Herr Kretschmer, wir treffen uns heute, am 5. August, und damit genau eine Woche, nachdem ek robotics ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingeleitet hat. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Ronald Kretschmer: Die Entscheidung zur Eigenverwaltung wurde vor dem Hintergrund eines herausfordernden Branchenumfelds getroffen: steigende Kosten, investitionsbedingte Zurückhaltung sowie einige wirtschaftlich belastende Altprojekte. Die Eigenverwaltung gibt uns den Raum, diese Herausforderungen aktiv und geordnet anzugehen.
Wie wirkt sich das Eigenverwaltungsverfahren auf den Geschäftsbetrieb aus?
Ronald Kretschmer: Das Verfahren ist ein rechtlicher Rahmen, der es uns ermöglicht, uns unter Aufsicht eines Sachwalters eigenständig neu aufzustellen. Die Geschäftsführung bleibt voll handlungsfähig. Der Geschäftsbetrieb läuft uneingeschränkt weiter. Projekte, Lieferverpflichtungen und Serviceleistungen werden wie gewohnt erfüllt. In Sonderfällen sind wir mit den betroffenen Kunden im direkten Austausch. Das Verfahren betrifft ausschließlich die ek robotics GmbH mit Sitz in Hamburg. Die Standorte in Mailand, Buckingham und Prag sind nicht Teil des Verfahrens. Sie arbeiten operativ unverändert weiter.
Wo Sie das Servicegeschäft ansprechen – welche Rolle spielt es für ek robotics?
Ronald Kretschmer: Wir betreuen insgesamt rund 400 aktive Anlagen im Markt. Das sorgt für ein kontinuierliches Servicegeschäft, sei es durch Flottenerweiterungen oder Modernisierungen bestehender Systeme. Von unserem Jahresumsatz von ca. 60 Millionen Euro entfallen etwa fünfzehn Millionen Euro auf das klassische Servicegeschäft. Diese Zahlen zeigen: Service ist für uns ein stabiles Fundament – gerade in anspruchsvollen Marktphasen.
Wie bewerten Sie die aktuelle Marktsituation in der mobilen Robotik?
Ronald Kretschmer: Die derzeitige Investitionszurückhaltung ist aus meiner Sicht vorübergehend. Unsere Branche hat über viele Jahre hinweg kontinuierlich Wachstum gezeigt. Momentan bremsen jedoch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland Investitionen in neue Anlagen. Ich erlebe seit 26 Jahren, dass Projektlaufzeiten im Anlagenbau lang sind – aktuell ziehen sie sich allerdings noch stärker in die Länge. Teilweise begleiten wir Projekte über drei bis fünf Jahre, bevor eine Entscheidung fällt.
Welche strukturellen Änderungen beobachten Sie am Markt?
Ronald Kretschmer: In den vergangenen Jahren sind viele Flurförderzeughersteller in die Automatisierung eingestiegen und haben eigene Produkte entwickelt – vor allem automatisierte Gabelfahrzeuge. Dadurch nimmt der Wettbewerb zu. Hinzu kommen asiatische Anbieter, die verstärkt auf den europäischen Markt drängen, insbesondere nach Deutschland.
„Der niedrigste Preis ist nicht automatisch die beste Lösung“
Was unterscheidet Lösungen aus dem Hause ek robotics von denen der vielen neuen Anbieter?
Ronald Kretschmer: Fahrerlose Transportsysteme sind komplexe Lösungen. Es geht nicht darum, einfach Fahrzeuge aufzustellen, sondern ganze Systeme zu planen und zu integrieren. Materialflussrechner, Leitsteuerung, Software, Integration und Inbetriebnahme – all das muss ineinandergreifen. Zudem ist jedes Projekt ein Unikat, da Kunden über sehr unterschiedliche Prozesse, Strukturen und Örtlichkeiten verfügen. Genau hier kommt unsere Erfahrung ins Spiel: Seit mehr als 60 Jahren entwickeln, fertigen und integrieren wir fahrerlose Transportsysteme – diese Tiefe an Know-How findet man in Europa kaum ein zweites Mal. Dass dies einen Unterschied macht, zeigen aktuelle Beispiele: Mehrere Unternehmen haben uns gebeten, Projekte zu übernehmen, weil die ursprünglichen Anbieter an der Systemintegration gescheitert sind, und die Anlagen nicht die geforderte Leistung erbringen. Das zeigt für mich einmal mehr, dass der niedrigste Preis nicht automatisch die beste Lösung bedeutet.
Welche technischen Herausforderungen sehen Sie bei der Integration von FTS?
Ronald Kretschmer: Grundlegende technische Probleme haben wir in den vergangenen Jahren weitgehend gelöst. Wir haben stark in Software, Schnittstellen und ein spezialisiertes Integrationsteam investiert. Anbindungen an ERP- oder Lagerverwaltungssysteme funktionieren zuverlässig. Die eigentlichen Herausforderungen entstehen meist erst vor Ort – etwa durch die Qualität von Hallenböden oder Ladehilfsmitteln, die sich im Testlauf oder einer Simulation nicht immer abbilden lassen.
Wie positioniert sich ek robotics gegenüber FTS-Lösungen für den E-Commerce?
Ronald Kretschmer: E-Commerce-Systeme funktionieren technologisch anders. Dort bewegen sich Fahrzeuge über QR- oder Barcodes von Punkt zu Punkt – meist nach dem Prinzip „Ware zum Mann“. Das unterscheidet sich grundlegend von klassischen FTS. In diesem Segment erfolgt die Differenzierung zwischen Anbietern hauptsächlich über den Preis. Das ist nicht unsere Strategie. Wir setzen auf maßgeschneiderte, integrierte Lösungen für komplexe Materialflüsse.
Wie sehen Sie die Zukunft von ek robotics?
Ronald Kretschmer: Ich bin überzeugt, dass wir auch künftig eine starke Marktposition haben werden. Unsere Produkte sind gefragt, unser Know-how in Integration, Software, Sonderanlagenbau und Fahrzeugbau ist in Europa nahezu einzigartig. In Deutschland gibt es nur noch wenige Unternehmen, die diese Bandbreite abdecken können. Deshalb gibt es keinen Grund, an der Zukunftsfähigkeit von ek robotics zu zweifeln.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview mit Ronald Kretschmer, Chief Sales Officer der ek robotics GmbH, führte Winfried Bauer, Chefredakteur f+h
Fotos: ek robotics